Farben am Wegesrand
„Was inspiriert dich?“
Es ist wohl eine der Fragen, die Künstlern am häufigsten gestellt werden. Eine jener Fragen, an denen man irgendwann nicht mehr vorbeikommt. In meinem Fall scheint die Antwort zwar offensichtlich. Und doch bleibt sie in Bewegung.
An einem lauen Sommernachmittag beschließe ich, ein Stück entlang des Gendarmstiens zu wandern. Geplant ist eine Tour bis in die Abendstunden hinein, bis zu jener Zeit, in der das Licht beginnt, sich zu verändern. Der Weg führt vorbei an kleinen Wäldchen, durch Ortschaften und entlang des Wassers. Ich entdecke verschiedenste Vögel, Pflanzen und wie könnte es anders sein, Katzen.
Die erste beobachtet mich versteckt im hohen Gras. Nur Augen und Ohren sind zwischen den Halmen zu erkennen. Für einen Moment verharren wir beide. Dann verschwindet sie lautlos in Richtung Wald. Später kommt mir in Kollund eine andere Katze entgegen. Zielstrebig und laut miauend läuft sie auf mich zu, als hätte sie nur auf Gesellschaft gewartet. Sie streicht um meine Beine und lässt sich auf dem Asphalt fallen. Ich muss schmunzeln.
Als ich weitergehe, nehmen die Häuser bereits einen bläulichen Ton an. Hinter einigen Fenstern brennt warmes Licht. Das Gelb der Innenräume trifft auf das kühle Blau des Abends. Mauersegler ziehen kreischend durch die Stille. Auf einem Fensterbrett sitzt eine Katze. Regungslos beobachtet sie die Straße. Hinter ihr leuchtet ein Fenster. Für einen kurzen Moment wirkt sie wie ein selbstverständlicher Teil dieser Szenerie, als gehöre sie ebenso zu diesem Abend wie die Häuser, das Licht und die langsam einsetzende Nacht. Ich setze meine Wanderung fort bis zum Atelier. Der Weg führt entlang des Wassers. Ich beobachte das Glitzern auf der Oberfläche und die ringförmigen Wellen kleiner Fische.
Seit Langem faszinieren mich bestimmte Lichtstimmungen. Jene kurzen Augenblicke zwischen Tag und Nacht, die manchmal nur wenige Minuten dauern. Das Blau wird tiefer, die Schatten weicher und einzelne Fenster beginnen zu leuchten. Dunkle Wolken am Horizont werden in Rot- und Pinktöne getaucht, während grüne Blätter von den letzten Sonnenstrahlen golden werden.
Auf dem Schreibtisch liegen lose Blätter, ein Skizzenbuch und erste Farbstudien. Während draußen die letzten Lichtreste verschwinden, kehren einzelne Bilder des Tages zurück: die Katze im hohen Gras, die warmen Fenster in den bereits bläulich gewordenen Häusern, das Farbspiel des Himmels.Zwischen den Skizzen tauchen sie wieder auf, nicht als Erinnerung an einen bestimmten Ort, sondern als Fragmente. Ein Blick. Eine Bewegung. Ein Lichtreflex auf einer Fassade. Eine Katze am Rand des Bildes. Ein geöffnetes Fenster. Eine Häuserzeile im Abendlicht. Daneben eine Gasse, die bereits im Schatten liegt. Nach und nach finden die Dinge zueinander.
Am Ende des Tisches liegen die ersten Entwürfe für eine neue Serie von Gemälden. Arbeiten, die die Farbspiele des Himmels festhalten, Katzen als stille Beobachter oder beiläufige Akteure, begleitet von den warmen Lichtern der Häuser.
Draußen ist es inzwischen Nacht geworden.
Ölmalerei 140 × 140 cm – Der Himmel ist gesetzt. Die Häuser werden weiter in Schichten aufgebaut.